• Aus der Festschrift

Erste Verfolgung (1841 - 1848)

Obwohl die erste Taufe in Marburg bald in der Stadt bekannt wurde, so geschah doch nichts von Seiten der Obrigkeit gegen die Gemeinde, sondern es blieb alles ruhig, bis Grimmells am 5. Juli 1841 das erste Kind, eine Tochter, geboren wurde. Bis sechs Wochen nach der Geburt blieb das Glück der Ehegatten ungetrübt. Dann erhielt der Vater eine Vorladung vom Konsistorium, wo ihm auf Grund eines alten kurhessischen Gesetzes eröffnet wurde, sein Kind taufen zu lassen, widrigenfalls er der Obrigkeit zur Bestrafung übergeben würde.

Grimmell aber fühlte, dass er Gott mehr als den Menschen gehorchen müsse. Auf die Frage, warum er sein Kind nicht zur Taufe bringe, antwortete er: „Weil dem Worte Gottes gemäß die Taufe nur solchen gehört, die durch Buße und Glauben an Jesum der Vergebung ihrer Sünden teilhaftig und gewiss geworden und somit fähig und würdig sind, den Bund eines guten Gewissens mit Gott zu machen." Im Zorn gebot man dann Grimmell, sein Neues Testament in die Tasche zu stecken und entließ ihn.

Dem Pfarrer, der Grimmell bei der Polizei anzeigte, hielt er in sehr passender Weise vor, dass der Apostel Paulus den Korinthern (2. Kor. 1, 24) schreibe: „Nicht dass wir Herren seien über euren Glauben, sondern wir sind Gehilfen eurer Freude", wodurch Zwang und Gewalt durchaus vom Christentum ausgeschlossen werde. Alle Vorstellungen waren aber vergeblich. Die nächste Vorladung kam von der Polizei. Die Eheleute Grimmell mussten vor dem Polizeidirektor Ungewitter erscheinen, der aber ein sehr edler, achtungswerter Herr war. Sie mussten ihr volles Glaubensbekenntnis ablegen, das natürlich damals noch nicht schriftlich abgefasst war. Es wurde zu Protokoll genommen und von dem Sekretär Kunz sehr schön abgefasst. Sie wurden kurz darauf freundlich entlassen. Noch einmal wiederholte sich eine solche Vorladung und straflose Entlassung. Direktor Ungewitter hatte zwar höheren Befehl zur Bestrafung erhalten, erklärte jedoch, diese gewissenshalber nicht ausführen zu können. Er erbat nebst seinem Sekretär eine Versetzung von Marburg mit der Begründung, dass er keine Schuld an den Verklagten fände und deshalb gewissenshalber nicht strafen könne.

Der Nachfolger des Direktors hieß Koch. Er war das gerade Gegenteil seines Vorgängers. Er stellte ein strenges Verhör in barschem Amtstone mit Jeremias Grimmell an.

Den Verlauf dieses Verhörs schildert Grimmell wie folgt: „Als ich vor dem Direktor erschien, redete er mich mit den Worten an: „Sie wollen Ihr Kind nicht taufen lassen?“ Ich: „0 ja, Herr Direktor. Es kann uns keine größere Freude widerfahren, als wenn auch unser Kind getauft werden könnte.“ Er stutzte. Nach einer Pause fuhr er fort: „Sie sind aber doch angeklagt, dass Sie es nicht taufen lassen wollen. Wann wollen Sie denn Ihr Kind taufen lassen?“ Ich: „Sobald es seinen verderbten Zustand erkannt hat und nach wahrer Buße und Bekehrung fragt: Was soll ich tun, dass ich selig werde?“ Der Direktor: „Ach, davon verstehe ich nichts. Ich bin Jurist.“ Ich: „Ja, das wundert mich auch, dass man Sie damit belästigt, indem Sie doch genug mit Polizeisachen zu tun haben. Diese Sache ist aber geistlich und kommt dem Konsistorium zu.“ Er: „Ja, da haben Sie auch recht. Aber warum wollen Sie denn Ihr Kind jetzt nicht taufen lassen? Sie können es ja später fünf- bis sechsmal taufen lassen.“ Ich: „Über die Zeit kann ich nicht bestimmen, da diese von der Gnade Gottes abhängt. Aber fünf- bis sechsmal taufen gehört sich nicht; in der Kirche Christi gibt es nur einen Herrn, einen Glauben und e i n e Taufe; und vor der Taufe verlangen der Herr Jesus und seine Apostel Glauben.“ Er: „Ach, was Jesus, was Apostel! Weg mit Jesus, weg mit den Aposteln!"

Grimmell wies dann darauf hin, wie ernst die Forderungen des Herrn Jesus seien und wie genau er es damit nimmt, dass wir seine Gesetze und keine Menschensatzungen beobachten. Nun fing der Polizeidirektor an, sich auf die Gesetze des Landes zu berufen und rief zornig aus: ,,Ich will nichts mehr wissen. Wenn Sie Ihr Kind nicht taufen lassen, so verfallen Sie aus einer Strafe in die andere. Erst werden Sie zu Geldstrafen verurteilt, und wenn Sie nichts mehr haben, müssen Sie ins Gefängnis; und wenn das nichts hilft, müssen Sie mit Frau und Kind aus dem Lande."

Hierauf las er Grimmell das ihm längst bekannte alte hessische Gesetz gegen die „Wiedertäufer" zu Luthers Zeiten vor, in dem es heißt:

„Jedem Untertan ist vollkommene Glaubens- und Gewissensfreiheit zugesagt. Findet man aber einen ,Anabaptisten', so soll er sofort von seinem Geistlichen ermahnt werden, zur Kirche wieder zurückzukehren. Tut er das nicht, so soll er der Obrigkeit übergeben werden. Fügt er sich auch dann nicht, so soll er mit Weib und Kind des Landes verwiesen werden, und es soll ihm nicht erlaubt sein, in sein Haus zurückzukehren, noch dass seines Hauses Schornstein rauche."

Grimmell erwiderte darauf: „So ergreifen Sie das letzte für das erste. Sie werden sich dadurch viel Mühe ersparen, denn ich bin nicht nur bereit, mich strafen und pfänden zu lassen, sondern auch für meinen Glauben zu sterben." (Über das Verhör berichtet auch ein Brief der Schwester Margarethe Grimmell aus Amerika, abgedruckt in der Zeitschrift „Der Pilger unter den Gemeinden des Herrn", herausgegeben von H. Brucker, Hassenhausen, Jahrgang 1892.)

Nun bekam Grimmell die erste Geldstrafe, 5 Gulden. Da er aber nicht bezahlte, nahm man ihm die polierte Kommode. Nach einiger Zeit wurde die Strafe auf 10 Gulden erhöht, wofür ein großer Kleiderschrank, ein Spiegel, ein Marmortisch, sechs polierte Stühle und einiges Geld genommen wurden. Am 13. Oktober belief sich die Strafe schon auf 20 Gulden. Als Grimmell aber immer noch nicht nachgab, drohte der Direktor mit den furchtbarsten Strafen und bekräftigte es mit den Worten: „Wissen Sie nicht, dass ich Macht über Sie habe?" Da führte Grimmell Johannes 19, 11 an und setzte hinzu: „Ja, Herr Direktor, Sie haben Macht, mir meine irdische Habe zu nehmen, aber meinen Glauben sollen Sie mir nicht nehmen. Jedoch müssen wir alle vor dem Richterstuhl Gottes offenbar werden, und da wird sowohl von Ihnen als von mir Rechenschaft gefordert werden." Endlich sagte der Direktor noch schreiend: ,,Sie Proselytenmacher! Sie sind an der ganzen Verwirrung schuld; machen Sie, dass Sie fortkommen!"

Grimmell ging. Drei Tage später erlitt der Direktor einen Schlaganfall, der seine rechte Seite lähmte. Nun war er unfähig, sein Amt weiterzuführen, und die Unseren hatten eine Zeitlang Ruhe. Eines Tages begegneten sich der gelähmte, aber sonst wieder genesene Direktor und Grimmell. Während letzterer freundlich grüßte, bat der Direktor unseren Bruder Grimmell zu sich und sagte ihm: „Das muss ich Ihnen sagen, Sie haben sich in allen Verhören ehrenvoll benommen. Gott stärke Sie in Ihrem Glauben. Seien Sie nur standhaft."

Diese Standhaftigkeit gelobten denn auch Grimmells vor dem Herrn; und er gab ihnen stets die nötige Kraft dazu. Solche Glaubensstärkung war auch sehr nötig, denn das Ziel der Verfolgung war noch lange nicht erreicht. Es sei noch erwähnt, dass Grimmell neben seinem Buchbindergeschäft auch als Aktenhefter beim Gericht angestellt war und dafür jährlich 100 Gulden nebst vieler Buchbinderarbeit zugewiesen bekam. Das alles wurde ihm später entzogen.

Zur Ermutigung der bedrängten Geschwister zogen Ende des Jahres 1840 einige Brüder von auswärts nach Marburg zu, darunter auch der aus Einbeck stammende Carl Steinhoff, der später als Missionsarbeiter auch in Marburg und Umgebung tätig war. Es wird noch einige Male von ihm die Rede sein.

Die Wasser der Trübsal stiegen indessen immer höher. Schritt für Schritt ging es tiefer hinein. Zunächst wurden alle diejenigen, die zur Gemeinde übertraten, vor das Presbyterium der lutherischen Kirche geladen, wo sie ein scharfes Verhör zu bestehen hatten und wo es sehr tumultuarisch zuging. So wurde ein Mann namens Keuscher, der sich um Aufnahme in die Gemeinde bewarb, gefragt, ob er denn auch getauft sei. Als er antwortete: ,,Nein, aber ich forsche täglich in der Schrift und bitte den Herrn, dass er mich völlig überzeuge, und dann lasse ich mich auch taufen", da sprangen alle auf und schalten ihn aus, und es entstand ein gräulicher Lärm; ja, einige der so genannten ,,Ältesten" der Kirche erklärten, wenn die Herren Pfarrer nicht zugegen wären, so würden sie den Keuscher derb durchprügeln. Hierauf wurden alle gefragt, ob sie sich noch zur lutherischen oder reformierten Kirche bekennten, und als sie die Frage verneinten, da wurde ihnen erklärt: „Nun, dann seid ihr von allem ausgeschlossen und habt keine Ansprüche mehr an Kindertaufe, Konfirmation, Trauung und Begräbnis auf dem Kirchhof." Sie erklärten, darauf seien sie von vornherein gefasst gewesen. Hierauf gab es einen allgemeinen Lärm, und ein Konsistorialrat rief: „Ihr seid Narren und gehört ins Narrenhaus."

Es lassen sich im Rahmen dieses kurzen Berichtes gar nicht alle Grausamkeiten und Härten der Verfolgung darstellen: Verhöre, Beschimpfungen von Seiten der Obrigkeit und Kirchenleitungen, Ausweisungen, Geldstrafen, Haftstrafen, Pfändungen aller Möbelstücke, so dass einmal sogar der Vollziehungsbeamte nach Pfändung des Tisches und sechs Stühlen sagte: ,,Herr Grimmell, wo wollen Sie denn nun essen?"

Was aber allem die Krone aufsetzte und ein wahrer Hohn auf die Freiheit des Gewissens war, das war die brutale Gewalttat, zu der man nach diesem allen überging, indem man den Grimmellschen Eheleuten ihre neugeborenen Kinder entriss und zwangsweise zur Kirchentaufe schleppte. Es geschah dies zum ersten Male am 11. Juli 1842, als Grimmels Kind gerade 1 Jahr alt geworden war. Während Grimmell an diesem Tage gerade auf dem Gericht war, um Akten zu heften, betrat ein Onkel von ihm, den das Gericht gegen Bruder Grimmells Willen zum Kurator (Vormund) bestellt hatte, nebst anderen Verwandten, einer Hebamme, dem Wachtmeister Schmidt und vier Gendarmen seine Wohnung, bemächtigten sich des Kindes, während der Vormund die Mutter festhielt. Die Hebamme bekam Befehl, das Kind zu nehmen und damit zur Kirche zu eilen, wo es unter großem Volksauflauf durch die Taufe zu einem „Christen gemacht" wurde.

Dieselben Vorgänge wiederholten sich bei dem zweiten Kind der Geschwister Grimmell am 13. Juni 1843 unter noch schlimmeren Umständen. Hier sei eine Schilderung Grimmells über diese Vorgänge wiedergegeben, um zu zeigen, welche fast unglaublichen Dinge damals im protestantischen Deutschland möglich waren und welcher Segen in der Religionsfreiheit der Gegenwart besteht.

Grimmell erzählt: „Morgens um 10 Uhr kam der Wachtmeister Schmidt, mein Onkel als Kurator und die Hebamme in unsere Wohnung und fragten mit grimmiger Gebärde: ,,Wo ist das Kind?" Ich antwortete: „Die Magd ist mit ihm im Freien." Der Onkel: „Das ist nicht wahr." Ich: „Wir lügen nicht." Jetzt wurde das ganze Haus durchsucht; selbst unter dem Bett und in allen Ecken sah man nach, während die Polizei draußen suchte. Ich begab mich unterdessen mit meiner Frau in die hintere Stube, wo wir zum Herrn beteten. Jetzt klopfte der Wachtmeister an die Tür. Als wir fertig gebetet hatten, machten wir auf. Der Wachtmeister trat herein und fragte heftig: „Was machen Sie da?" Wir: „Wir haben gebetet." Er: „Warum hatten Sie die Tür verschlossen?" Wir: „Der Herr sagt: Wenn du betest, so gehe in dein Kämmerlein und schließe die Tür zu." Da wurde er grimmig und sagte: „Was, beten? Jetzt bin ich da!" Er fasste mich am Hals, stieß mich von der Tür bis zum Fenster, machte die Tür zu und ergriff seine Seitenwaffe. Meine Frau machte eilig wieder auf, während ich ihm ganz gelassen antwortete: „Ich bin Bürger und bezahle meine Wohnung." Er schimpfte aber so gräulich, dass ich meines Lebens nicht sicher war und auf Zureden meiner Frau zu Geschwistern Braun ging."

Grimmell berichtet dann, dass die Polizeibeamten ihnen auch dorthin nachkamen und unglaubliche Auftritte in der Wohnung verursachten: gewaltsames Hinausdrängen aus der Wohnung, Ohrfeigen für anwesende Frauen, Pfänden und Durcheinanderwerfen aller Sachen in der Wohnung. Weiter berichtet Grimmell dann:

„Unterdessen hatten sie die Magd mit dem Kind vor dem Tor gefunden; dieselbe wurde grob behandelt und tüchtig ausgescholten, und die Hebamme musste ihr das Kind abnehmen, welches sodann mit Polizei und Gendarmen wie ein Mörder in die lutherische Kirche gebracht wurde. Nichts Gräulicheres ist mir in meinem Leben vorgekommen als dieser Tag, an dem es nicht aussah, als ob man sich in einem christlichen Staate, sondern unter Räuber- und Mörderhänden befand." (Der Sohn Grimmells hat bei einem Besuch in Marburg aus Amerika auch einen Bericht der Mutter über diese Vorgänge gegeben.)

Im Jahre 1843 wurde das Versammlunghalten verboten und der Leiter wie der Beherberger einer baptistischen Versammlung mit je 5 Gulden Strafe bedroht. Jeder Besucher sollte mit 3 Gulden bestraft werden. Grimmells konnten also nach jeder Versammlung mit 13 Gulden Strafe belegt werden. Nicht fünf Personen durften beieinander angetroffen werden, ja, kein geistliches Lied gesungen werden. Die Unseren hielten nun ganz in der Stille ihre Zusammenkünfte, wurden aber doch aufgespürt und bestraft. Deshalb gingen sie sonntags am Tage in den Wald, obwohl der Schnee oft mehrere Fuß hoch lag und die Versammelten stundenlang stehen mussten. Aber die Freude am Worte Gottes verursachte, dass „niemand fror oder krank wurde".

Befreundete Leute boten darauf ihre Gartenhäuser zur Benutzung an. Aber bei aller Vorsicht wurden die Versammelten doch oft entdeckt und bestraft. Man ging so rücksichtslos vor, dass einem Mitglied der Gemeinde einmal sogar der eingemauerte kupferne Kessel herausgebrochen und mitgenommen wurde, weil man sonst nichts Wertvolles vorfand.

Es schien, als ob die Drangsale kein Ende nehmen sollten. Geldstrafen, Pfändungen, nächtliche Haussuchungen, endlose Verhöre waren an der Tagesordnung. Als es nichts mehr zu pfänden gab und Grimmells der besten Artikel in ihrem Laden und Hause, sogar ihrer Sonntagskleider beraubt waren, kam eine noch schlimmere Maßregel an die Reihe: die Geldstrafen wurden nämlich in Gefängnisstrafen umgewandelt. Grimmell hatte die Ehre dieser Strafe um des Herrn willen zuerst.

Am 20. Juli 1845 wurde in Marburg ein großes weltliches Sängerfest gefeiert. Die Mitglieder der Gemeinde benutzten diese Gelegenheit, um sich nach ihrer Weise zu freuen und dem Herrn, ihrem Gott, bei einem Liebesmahl (verbunden mit Abendmahl) Loblieder zu singen. Sie hofften, dass sie dieses Mal nicht gestört werden würden. Sie wurden aber verraten, und Grimmell sollte nun alle diejenigen, die dabei zugegen gewesen waren, nennen. Da er sich dessen weigerte, so wurde er wegen Ungehorsams gegen die Obrigkeit erst zu einem, dann zu zwei, dann zu acht Tagen Gefängnis verurteilt. Das konnten aber die übrigen Mitglieder nicht ruhig mit ansehen. Sie gingen aufs Gericht und gaben sich selbst an, hoffend, dass sie Grimmell dadurch von der ihm auferlegten Strafe befreien würden. Vergebliche Hoffnung! Die Strafe musste Grimmell dennoch abbüßen und sie erlangten dadurch weiter nichts, als dass nun jedem einzelnen von ihnen sechseinhalb Taler Strafe auferlegt wurden.

Grimmell wurde zuerst in dem so genannten „Hexenturm" auf dem Marburger Schlossberg untergebracht, in dem auch der erste baptistische Vorfahr unseres Bruders Johannes Dörr in Hassenhausen, sein Urgroßvater, gesessen hat, wie uns berichtet wurde. Hier hatte Grimmell es verhältnismäßig gut. Der Gefangenenwärter Holland war ein freundlicher Mann und behandelte Grimmell milde. Grimmells Frau konnte ihm das Essen bringen, wurde aber nicht vorgelassen und konnte ihren Mann nicht sehen. Draußen unter dem Fenster stehend hörte sie, wie ihr Mann den anderen Gefangenen Predigtworte sagte, zum Beispiel: „Wir sind alle verlorene Sünder, aber Jesus kam, uns zu erlösen" u. a. Ein Gefangener sagte es dem andern in der nächsten Zelle. Zur Andachtszeit fragte der Gefangenenwärter oft, welches Kapitel der Bibel er lesen solle. Er wurde später auch bekehrt.

Die gewährten Vergünstigungen aber wurden entdeckt und Grimmell in den so genannten „Neuen Bau" des Schlosses gebracht, wo ein gefühlloser Wärter namens Scheld war. Dieser hat ihn sogar einmal, als Grimmell im Gefangenenraum sang und betete, tief hinunter in ein dunkleres, dumpfes Gemach gebracht, in das nur eine kleine Öffnung Licht und Luft einfallen ließ. In der Mitte dieses Gemachs stand ein Block, so groß wie ein Schmiedeklotz, an dem schwere Ketten hingen. Ein feierliches Gefühl kam über Grimmell. Er dachte an Paulus, den treuen Knecht Gottes. Mehr als je fühlte er seine Unwürdigkeit. Er fiel auf seine Knie und betete: „Oh Herr, willst du mir denn dieselbe Ehre zuteil werden lassen, die deinem Knecht Paulus zuteil wurde?" und dabei sang er und dankte dem Herrn aus vollem Herzen. So verging einige Zeit, als aufs Neue die Schlüssel rasselten. Grimmell dachte: Jetzt wirst du angeschmiedet und wie Paulus in den Stock gelegt. Der Wärter aber trat ein und sprach: „Kommen Sie mit" und führte Grimmell wieder hinauf, der nur einige Stunden da unten gesessen hatte. „Aber der Segen dieser Stunden", schreibt er darüber, „bleibt mir unvergesslich; die himmlische Luft tat mir unaussprechlich wohl".

Nicht alle obrigkeitlichen Personen waren so feindlich gesinnt, und ebenso wenig wie diese war es das Volk. Einen Freund der Wahrheit fanden die Unseren in Professor H. W. J. Thiersch, welcher seit 1843 eine theologische Professur an der Universität innehatte. Er übte auf die Jugend und auf das Volk bedeutenden Einfluss aus. Den Baptisten war er freundlich gesinnt. Er verkehrte viel mit Geschwister Grimmell und nahm sich ihrer an, wo er nur konnte. In eine seiner Aufsehen erregenden Predigt geißelte er scharf die Verweltlichung der Kirche. Zugegen waren nicht nur die vier lutherischen Pfarrer und die Professoren, auch die Honoratioren und viele Bürger der Stadt. Thiersch sprach nach Hesekiel 33, 1 bis 14 über den Verfall des Bethauses, der Kirche. Unter anderem sagte er: „Aber hat denn der liebe Gott kein Bethaus mehr auf Erden? 0h nein! Er hat auch noch ein Bethaus in unserer Stadt. Aber wo ist es denn? Da droben auf dem Schlosse! Hinter Schloss und Riegel eingesperrt wie die ärgsten Verbrecher, und nicht darum, dass sie etwas Böses getan hätten, sondern um ihres Gewissens willen, weil sie Gott verehren, wie sein Wort uns lehrt - da ist das Bethaus. Sie, die um des Wortes Gottes willen gefangen sind, sind wahrhaftig das Bethaus Gottes. Und darum allein verfolgt man sie und stützt sich dabei auf die Landesgesetze. Und gäbe es solche Landesgesetze, so sollten die Hirten des Volkes gerade die ersten sein, die darauf drängen, dass solche Gesetze beseitigt würden. Wehe euch Hirten! Der Herr wird Rache üben, wie er es stets getan hat an denen, die sein Volk unterdrückt haben. Den Gottlosen warnt ihr nicht, dem Weltsinn helft ihr nur auf!" Hierbei schaute er scharf nach der Seite, wo die Pastoren und die Professoren saßen.

Die Verfolgung dauerte immer weiter an, so dass unsere Geschwister schließlich vom Pöbel als vogelfrei angesehen und wehrlose Frauen schändlich behandelt wurden. Die haarsträubendsten Szenen ereigneten sich. Da Strafen grundsätzlich nicht bezahlt wurden, wurde gepfändet und immer wieder gepfändet. Von Marburg wurden alle auswärtigen Baptisten weiterhin ausgewiesen. Keiner durfte sich sehen lassen, aber gewagt wurde es dennoch stets wieder.

Daniel Binder, geboren in Marburg am 15. Juli 1818, hatte seine Lehrzeit als Buchbinder bei einem Onkel des Jeremias Grimmell verbracht. Durch das Vorbild des damals schon gläubigen jungen Jeremias Grimmell wurde er zum Nachdenken über sein Seelenheil angeregt. Auf seinen darauf folgenden Wanderungen kam er auch nach Hamburg, wurde dort gläubig und von J. G. Oncken mit vier anderen in der Alster getauft. Fleißig half er bald bei der Traktatverteilung. Im Frühjahr 1843 trieb es ihn wieder in die Heimat zurück. Hier in Marburg und in anderen Orten missionierte er nach der guten Anleitung, die er in Hamburg schon empfangen hatte. Mit der Zeit wuchs auch sein polizeiliches Schuldregister. Dreimal war er bereits beim Gottesdienst überrascht worden und zweimal hatte er selbst die Versammlung geleitet. Bei den Verhören benahm er sich stets mutig und sehr geschickt, so dass er einige Male mit anderen Gläubigen zusammen wieder entlassen wurde, ohne gestraft zu werden. Manchmal musste er allerdings, weil bei ihm nichts zu pfänden war, Gefängnisstrafen auf sich nehmen. Er hat die Arbeit der Gemeinde in Marburg entscheidend beeinflusst und gefördert. Später ging er wieder nach Hamburg zurück. Carl Steinhoff aus Einbeck, der namens der Gemeinde Marburg die Taufen vollzog (vorher war bereits die Rede von ihm), kam trotz seiner Ausweisung aus Hessen immer wieder aus Einbeck zugewandert. Er musste das immer in größter Heimlichkeit tun. Wenn die Gendarmen erfuhren, dass das Vorhandensein auswärtiger Brüder zu erwarten sei, gaben sie sich stets besondere Mühe, schon wegen des Preises, der auf die Täufer Oncken und Steinhoff gesetzt war. Auf Steinhoffs Kopf waren dreißig, auf Onckens Kopf sogar hundert Gulden ausgesetzt. Auch die Taufen mussten ganz heimlich vollzogen werden, wenn die Feinde schliefen.

Als wieder einmal Neubekehrte getauft worden waren, zeigte es sich, dass trotz aller Vorsicht die Polizei alles genau wusste, sowohl wer getauft hatte, als auch, wer getauft worden war. Als einmal dreizehn getauft werden wollten, hatte die Polizei auch Kenntnis davon erhalten und Polizisten um Grimmells Haus und auf der Straße postiert. Steinhoff aber war als Bauer verkleidet in die Stadt gekommen, und die Taufe wurde nachts bei starkem Regen auf einer überschwemmten Bleiche bei der Lahn durchgeführt, ohne dass jemand es verhindern konnte.

Auch Heinrich Sander aus Othfresen war neben Steinhoff im Auftrage Onckens mehrfach in und um Marburg. Nachdem er in Marburg den jungen Valentin Beyebach aus Hersfeld getauft hatte, von dem später noch die Rede sein wird, und einige andere gläubig geworden waren, machte er eine Missionsreise in die Schweiz, wurde verhaftet und wochenlang im Gefängnis festgehalten und dann des größten Teils seines Reisegeldes beraubt. Es ist ihm eine bestimmte Reiseroute vorgeschrieben worden und auch der Tag, an dem er sich bei seiner Heimatbehörde in Othfresen zu melden hatte. Aber ohne danach zu fragen, was ihn später in der Heimat erwartete, kam er nach Marburg zurück, wurde mit großer Freude empfangen, blieb auch eine ganze Woche und vollzog Taufen und hielt Versammlungen, alles unter der größten Vorsicht, um der Polizei nicht nochmals in die Hände zu fallen. In dieser Woche taufte Sander in der Lahn bei Bellnhausen am 15. Juni 1845 den Schreiner Jakob Becker aus Fronhausen mit seiner Frau Elise und den bei Becker arbeitenden Konrad Bodenbender aus Heskem. Besonders die Taufen Beyebachs und Beckers hatten sehr gesegnete Folgen für Generationen. Am 17. Juni reiste Sander dann von Marburg ab.

Bei allem blieb der Mut der Gemeindeglieder ungebrochen. Der Herr verlieh immer neue Kraft; und wenn immer neue Menschen bekehrt wurden, so empfanden sie, dass sie in allem Unterliegen doch die Sieger über ihre Feinde waren.

Bei einer Vorladung im Jahre 1847 wurde den Gliedern der Gemeinde nahe gelegt, auszuwandern. Schwester Grimmell erwiderte, es stehe geschrieben: „Bleibe im Lande und nähre dich redlich." Solange das möglich sei, würden sie bleiben. Würden sie aber des Landes verwiesen, so würden sie das als eine Vergunst ansehen, denn es gäbe, Gott sei Dank, noch Länder, wo man Christen dulde. Als hierauf von Polizeidirektor Wangemann die Strafe festgesetzt wurde und er den Strafbefehl dem General von Mildner-Mühlheim zur Unterschrift vorlegte, antwortete dieser: „Ich unterschreibe nichts mehr" und gab ihn weiter an den Prokurator Uhlort, welcher zugleich Bürgermeister war. Dieser sagte: „Ich auch nicht" und reichte ihn an Landrat von Gehren. Dieser unterschrieb und sagte: „Ich streite dagegen, solange ich kann." „Ich auch", sagte Direktor Wangemann, indem er, zitternd vor Aufregung, seine Unterschrift vollzog. Dann aber ging die Verfügung von Hand zu Hand, ohne dass weitere Unterschriften erfolgten. Schließlich hatte Grimmell andauernd nacheinander 20 Tage Haft, eine oder zwei Wochen Freiheit, dann wieder Haft usw. Endlich wurde verfügt, er solle die ganze Strafe ohne Unterbrechung absitzen. Das war hart, besonders des Geschäftes wegen. Allein, alles Bitten half nichts; Grimmell wurde abgeführt.

Schwester Grimmell bat den Polizeidirektor, ihrem Mann doch zu erlauben, alle paar Wochen einige Tage nach Hause zu kommen, um die notwendigsten Arbeiten zu besorgen. „Nein", lautete die Antwort. „Wie lange hat er denn noch zu sitzen?" „Schlagen Sie nach, Herr Sekretarius!" Dieser schlug nach und las: „10 Tage, 20 Tage . . . noch mehr als ein ganzes Jahr." „Dann werde ich Daniel Binder von Hamburg kommen lassen." Daniel Binder war ein Marburger, den man nicht ausweisen konnte, aber den man in Marburg nicht haben wollte, weil auch er Versammlungen leitete. Deshalb entgegnete der Direktor: „Sie brauchen nicht zu schreiben. Ihr Mann soll alle zwei bis drei Wochen einmal heimgehen."

Am 2. Ostertag des Jahres 1847 kam Professor Beyerhofer, ein entschieden ungläubiger Mann, zu Grimmells und bat sie, ihm zu sagen, weshalb sie so entschieden auf ihrer Sache bestünden. Er blieb volle drei Stunden, und als er Grimmell die Hand zum Abschied reichte, sagte er: „Herr Grimmell, Sie sind ein glücklicher Mann. Ich wünschte, ich könnte glauben wie Sie, aber das kann ich nicht."

Die Geschichte der Verfolgungszeit ist so ausführlich geschildert, weil sie ein Ehrenblatt in der Geschichte der Baptisten in Marburg-Hassenhausen und in Hessen überhaupt ist.

Ausführliche Berichte über alle diese Geschehnisse finden sich in der im ,,Pilger unter den Gemeinden des Herrn", von Jahrgang 1892-1897 erschienenen, mit historischen Zeugnissen reichlich belegten „Fünfzigjährigen Geschichte der hessischen Baptistengemeinden von 1840 - 1890". Hier lassen sich nur kurz zusammenfassend die Hauptsachen berühren.

Zum Schluss dieses Abschnittes sei die aus den Akten festgestellte Summe der Geldstrafen gegen unsere Mitglieder in Marburg und Umgebung angegeben. Sie beträgt für die Zeit von 1841 bis 1848 1.088 Taler 141/2 Groschen oder 3.265,45 Mark. Da die Angaben bezüglich der Gefängnisstrafen nicht sämtlich festzustellen sind, kann von letzteren keine Gesamtzahl angegeben werden.

Am Anfang des Jahres 1848 brach die Revolution aus. Direktor Wangemann, Landrat von Gehren, Wachtmeister Schmidt u. a., die das Volk übel behandelt hatten, mussten bei Nacht und Nebel flüchten und froh sein, dass sie mit dem nackten Leben davon kamen. Marburg hat sie nie wieder gesehen. Die Bürgergarde besetzte das Rathaus und die Tore. Das Elisabethtor wurde von reitender Bürgergarde beschützt. Der Kurfürst weigerte sich zunächst, die Forderung politischer und religiöser Freiheit dem Volk zu erfüllen, gab am 7. März 1848 jedoch nach.

So war nun auch den Unseren die lang ersehnte Glaubens- und Gewissensfreiheit versprochen. Zwei Tage lang herrschte in Marburg großer Jubel. Am dritten Tage, morgens gegen 5 Uhr, zog die Volksmenge, unter ihnen die Abgeordneten, begleitet von reitender Bürgergarde, vor Grimmells Haus, wo „Halt!" befohlen wurde. „Herr Grimmell, machen Sie das Fenster auf!" Und nun wurde verkündet: „Herr Grimmell, jetzt haben Sie Freiheit; jetzt können Sie beten, soviel Sie wollen. Kommen Sie zur Verkündigung auf den Markt! Der Herr Grimmell lebe hoch!" Dann zogen sie ab. Auf dem Markt wurde verkündigt: „Wir haben im Lande jetzt Freiheit des Glaubens und des Gewissens." Und am 1. Dezember 1848 erging von der kurfürstlichen Polizeikommission Marburg an den Buchbindermeister Jeremias Grimmell die Verfügung, dass alle gegen Taufgesinnte wegen Teilnahme an verbotswidrigen religiösen Versammlungen erkannten und noch nicht verbüßten Strafen durch Beschluss des Hessischen Ministeriums vom 27. Oktober 1848 erlassen seien.